"Vergangenheit inszenieren" - von dieser Begriffskopplung ausgehend lässt sich mein Verständniss von Geschichtsvermittlung facettenreich darstellen.

Im Vorwort zum Sammelband "Kassel in der Moderne" wird die Begriffskopplung in einem für Kassels Geschichte zentralen Kontext eingeführt. 1913, es die Zeit kurz vor und nach der Tausenjahrfeier. Wie lässt sich Kassels Zustand beschreiben, damals und heute? Bezogen auf die Einschätzung der politischen und wirtschaftlichen Situation der Stadt sowie der in den Schichten der Gesellschaft verankerten Mentalitäten lassen sich in der Geschichtsschreibung der Zeit mindestens zwei Deutungsmuster erkennen.
Bezeugt wird einerseits das Bild "Residenzstadt" mit allem drum und dran von Honorigem und den Ausflügen zum "Kaiser gucken" hoch zum Schloss. Dagegen steht andererseits das Bild von einer Industriestadt mit stark angewachsener Bevölkerung, einem initiativreichen Bürgertum und der selbstbewusst gewordenen Arbeiterklasse. Beiden Gruppen ist der Kaiser ziemlich egal.

Die Narrative konkurrieren. Gerade das macht heutige Untersuchungen so interessant. Hinzukommt noch etwas. Ist es nicht recht kurios, wie es n
och heute beliebt ist, die Residenzstadt (1878 - 1918) in Bildbänden herauszustellen und erst in zweiter Linie die viel wichtigeren wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen zu dokumentieren. Dazu liegt genügend und sehr ansprechendes Bildmaterial bereit. Aber, Residenzstadt macht sich gut, zumindest in den für eine hohe Nachfrage konzipierten Büchern.

Ein Beispiel für eine ebenso verklärende Geschichtsvermittlung sind Dokumente und Bildreihen rund um Veranstaltungen zur Tausend-Jahr-Feier 1913.
Fotos vom Festzug sind eine "inszenierte Vergangenheit". Das ist für Zuschauer damals und für uns heute offensichtlich. Zahlreiche Zeitungs-Berichte über den Umzug und Schilderungen von Veranstaltungen setzen aber die Begeisterung der Zuschauer mit Fürsten- und Kaiserverehrung gleich.

Eine solche
Zuschreibung gab es auch 100 Jahre davor. Die "Führer durch Cassel und Wilhelmshöhe" sowie Reisebeschreibungen von Besuchern Kassels loben die Stadt als Residenz und stellen die Verdienste der Fürsten heraus. Zielgruppe dieser Literatur ist die Hofgesellschaft und in erster Linie ein gut situiertes Bürgertum, das deutsche Städte bereist und darüber berichtet.
Schon vor 200 Jahren spielen mitgebrachte Bilder eine große Rolle. Wer es sich leisten kann, bedient sich Ende des 18. Jahrhunderts bei den vor Ort angebotenen Druckgrafiken und belegt damit, irgendwo gewesen zu sein, Orte zu kennen und weit herumgekommen zu sein. Studenten lassen sich auf der Rückseite der Stiche etwas ins Stammnuch schreiben.
Für uns sind diese Grafiken wichtige Dokumente, die Aufschluss über Stadtansichten geben, gerade auch wenn sie geschönt sind. Solche Ansichten und Texte sind für die Stadtbild-Forschung sehr aufschlussreich, weil Bewertungen nachlesbar sind und für Untersuchungen herangezogen werden können.

Auch meine Forschungsergebnisse rund um die Geschichte der Postkarte und zu Postkarten mit Kassel-Motiven zeigen deutlich, wie sehr (hier) die Ansichten auf Postkarten ein jeweiliges Stadtbild erzeugen und das Wahrnehmen von Zustand, Entwicklungen und Veränderungen beeinflussen.
Das sind Verklärungen in der Zeit und im Nachhinein, zugleich aber auch ein Zugang zu Mentalitäten, Wünschen und Einschätzungen der Käufer. Betrachtungen lassen sich so beeinflussen, es kommt darauf an, welche Anregungen zum diversen Hinschauen im Materialangbot angelegt sind.

Ein weiteres Beispiel für eine verklärende Inszenierung. Die Diskussion um den Städtebau ab den 1950er Jahren lässt sich an den Begriffen "Wiederaufbau" und "Neubeginn" festmachen. Mit der Entscheidung für einen der beiden Termini sind grundsätzliche Positionen zur Einschätzung und Bewertung der Entwicklung Kassels nach der Bombardierung im Oktober 1943 und zu den Planungen 1943 und dann ab 1946 verbunden. Hat in den 1950er Jahren ein Wiederaufbau oder ein Neuaufbau begonnen?
Was bedeutet es, wenn dem alten Kassel nachgetrauert und beklagt wird, dass im neuen Stadtbild die alte Struktur so wenig zu erkennen ist. Mir geht es nicht um die berechtigte Kritik am rigiden Abreißen erhaltenwerter Gebäude. Der Neuaufbau 1950 bis 1980 ging intensiv mit zahlreichen falschen Planungs- und Bauentscheidungen einher.

Aber zugleich, es schönen doch viele Ansichten der Vorkriegs-Postkarten den Istzustand vor 1943, es sind somit keine neutralen Zeitdokumente, denn sie präsentieren ausgewählte und ausschnitthaft anvisierte Altstadt-Motive. Das sind vorwiegend Gebäude mit auffälligen Giebeln, markantem Fachwerk und schmucken Fassaden. Kaum erkennbar ist, wie herunter gekommen ganze Häuserzeilen und Quartiere waren.
Vermitteln also nicht einige erneut zum Kauf angebotene alte Motive ein eher idyllisches Gesamtbild? Verklärung in Sepiabraun?

Ist es nicht sinnvoller zu sagen Kassel war vor 1943 eine andere Stadt, mit ausgesprochen schönen Stadtbildern, mit ganzen Häuserzeilen in der Altstadt im nordhessischen Fachwerkstil, mit den zentralen Plätzen, den Palais und den vielfältig und ideenreich gestalteten Hausfassaden entlang der großen Straßen, den neuen Stadtvierteln aus der Gründerzeit und dem frühen 20. Jahrhundert.

So lässt sich das alte Stadtbild mit dem heutigen gut vergleichen. Ein Blickwinkel dabei könnte die zurzeit anerkennende Rückbesinnung auf Konzepte der 1950er und 1960er Jahre sein. So lässt sich nach den gerade abgeschlossenen Restaurierungen der Wohnungsbau rund um den Steinweg oder am Pferdemarkt als gelungener Neuaufbau betrachten.
Eine neue Altstadt ist entstanden. Die prägt das Stadtbild. Wird das bei Stadtführungen gewürdigt, ist das im Bewusstsein der Bevölkerung genügend verankert und anerkannt? Warum weisen keine für Touristen aufgestellten Hinweis-Schilder auf diese Altstadt der 1950er hin oder auf die Altstadt der Gründerzeit im Vorderen Westen? Auch Flyer dazu fehlen.

Ich verwende die Sichtweise "eine andere Stadt", um z. B. Reiseführer und Foto-Bände sowie Souvenirblätter als Marketing-Material zu untersuchen und einzuschätzen.
Welche Bilder werden gezeigt und kommentiert? Wie passt das zu anderen, in Sammlungen dokumentierten Abbildungen und zu Texten von Stadthistorikern und Archivleitern. Eine solche Herangehensweise fordert dazu auf, bei Darstellungen und Einschätzungen immer wieder ein zweites und drittes Mal hinzusehen, zu vergleichen und verschiedene Bickwinkel einzunehmen.

Das ist auch umgekehrt mein Ausgangspunkt, um "Historische Spaziergänge" zu entwickeln. Den Rundgang "Schöne Aussichten" habe ich offensichtlich inszeniert. Ein Flyer regt dazu an, eine Stunde spazieren zu gehen, der Schönen Aussicht entlang, auch um hinunter zur Karlsaue zu blicken und ebenso von unten auf den faszinierenden Auehang selbst. Der Flyer kommt ohne beschreibende Texte aus und veranlasst, Veduten in der ganzen Breite von fünf Faltblättern aufzuschlagen und historische Ansichten mit dem zu sehenden Bild zu vergleichen. Es ist überhaupt nicht üblich und "angesagt", in dieser Abfolge und in dieser Kopplung von alten Stichen und der eigenen Anschauung eine der schönsten Ecken Kassels zu betrachten und (historisch) zu verstehen.Vergnügen, Erkunden, Erkennen in der Symbiose.

Ein anderer Beleg für ein gewinnendes, aufschlussreiches Erkunden durch das mehrfache Hinschauen ist unter den Einzelstücken zu finden und bezieht sich auf das Chinesische Dorf Mulang. Wie ist die Anlage im Kontext von Aufklärung und Umgestaltung des Bergparks Wilhelmshölhe einzuschätzen? Mir geht es darum, verschiedene Positionen zur Bewertung anzuprüfen und auszuführen. Daraus ergeben sich Ideen und Konzepte für Rundgänge und Führungen.
Zum Thema habe ich den Rundgang "Mulang und Lac" entwickelt, dieser ist als historischer Spaziergang konzipiert.
Das Einzelstück "Mulang à la mode" stellt in Frage, ob Mulang als "Projekt der Aufklärung" und Indiz für den aufgeklärten Fürsten bewertet werden kann.



G E S C H I C H T S V E R M I T T L U N G... - ...k o n k r e t
E I N Z E L S T Ü C K E.... ...........................................
Einzelstücke

Einzelstücke
Landesgeschichte vermitteln


Kaffee-Riecher unterwegs
Absolutismus - Edikte 1780, 1783

Mulang à la mode
Geschichte(n) im Staffage-Dorf

Wappen Hessens
Beipiel: Landgraf Karl 1720

Geschichte auf Kartenblättern
Landgraviatus Hassiae Inferioris 1720

Schloss Wilhelmshöhe
auf böhmischer Klappkarte

Messinghof
Mehr als ein Industriedenkmal

Gemälde "Die Schulstube"
Niederländer im Schloss - Ein Besuch

Posthaus am Königsplatz
Virtueller Rundgang 1771

Hafer-Kakao Riegel aus Kassel
Alltag + Zeitgeist auf Reklamemitteln

Casselische Policey = und
Commercien = Zeitung 1731

Nachweise, Literatur


kasselerkunden.de